U21-EM | DFB-Spielanalyst Scheibe im Interview: „Das Scouting ist nicht kreativer geworden“

U21-EM 2021

Betrachtet man den Erfolg einer Fußballmannschaft, so stehen vor allem die Spieler und der Cheftrainer im Fokus. Doch im Hintergrund arbeiten viele Experten mit Hochdruck daran, ihr Wissen und ihre Qualitäten bestmöglich einzubringen. Das gilt auch für die Spielanalysten. 

Einer von ihnen ist Jannis Scheibe, der bei der U21-Nationalmannschaft des DFB tätig ist. Wir haben mit ihm unter anderem über seine Aufgaben, die besondere Turniersituation und die Arbeit während der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie gesprochen.

DFB-Spielanalyst Scheibe: „Versuchen, die Trainer bestmöglich vorzubereiten“

90PLUS: Der Beruf des Spielanalysten ist kein klassischer Ausbildungsberuf. Sie haben Sportwissenschaften an der Sporthochschule in Köln studiert. Wie sind Sie Spielanalyst geworden? Und haben Sie während Ihres Studiums parallel auf eine derartige Anstellung hingearbeitet?

Jannis Scheibe: Das ist richtig, ich habe in Köln Sportwissenschaften studiert, parallel beim 1.FC Köln als Jugendtrainer gearbeitet. Dann habe ich gemerkt, dass die Spielanalyse im Fußball immer stärker in den Fokus rückt. Zudem bieten der DFB oder auch andere Institute mittlerweile Zusatzausbildungen oder Zusatzzertifikate an. Es entwickelt sich ein akademischer Ausbildungsprozess, um die Anforderungen, die einem im Berufsleben entgegenkommen, abzubilden. 

Beim DFB – und da habe ich auch meine ersten Erfahrungen gesammelt – gibt es das „Team Köln“ an der Sporthochschule, das die Nationalmannschaft in der Gegnervorbereitung und Informationsgewinnung über die zukünftigen Gegner unterstützt. Nach der WM 2006 habe ich dort meine ersten Erfahrungen sammeln können. Zudem gab es noch ein weiteres Projekt an der Sporthochschule. Ziel war es eine Scouting-Datenbank für einige Bundesligisten aufzubauen. Das habe ich vier Jahre lang gemacht, parallel zu meinem Studium und meinem Jugendtrainer-Dasein. Später startete mein Berufsleben bei der Firma Amisco (heute Stats Perform), die u.a. Spielanalysten für die technische Studiengruppe der FIFA, aber auch für den DFB bereitgestellt hat. 

90PLUS: Der Begriff „Spielanalyst“ gibt eine grobe Beschreibung des Tätigkeitsprofils. Doch was konkret gehört zum Aufgabenbereich, wie umfassend ist dieses Spektrum? Vielleicht können Sie uns einen kurzen Einblick in Ihren Arbeitsalltag geben?

J.S.: Der Tätigkeitsbereich ist sehr vielfältig. Am Ende sind wir [Spielanalysten] als Unterstützer für das Trainerteam und für die Spieler da. Wir versuchen, die Trainer bestmöglich vorzubereiten und mit Informationen zu beliefern. Dasselbe gilt auch für die Spieler. Konkret sieht das so aus, dass ich bei uns im Trainerteam dafür zuständig bin, die Informationen zu sammeln, zu generieren, zu interpretieren und dann auf die wichtigsten Kernbotschaften herunterzubrechen. Anhand dieser Informationen werden Lösungsmöglichkeiten für gewisse Spielsituationen angeboten. Das hört sich zunächst nebensächlich an, ist aber ganz entscheidend für den Matchplan.

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Der Arbeitsalltag sieht aufgrund der Pandemie aktuell so aus, dass ich von zuhause aus Spiele analysiere und daraus Erkenntnisse und Daten rausfiltere. Diese gebe ich aktuell vor allem digital an unsere Trainer weiter. Vor der Pandemie oder bei einem Turnier ist natürlich mehr physische Interaktion mit den Trainern und den Spielern möglich.

DFB-Analyst: „Ein Problem derzeit ist der geringe Kontakt“

90PLUS: Die Vorbereitung auf ein solches U21-Turnier ist insbesondere während der Pandemie nicht ganz einfach. Gewohnte Abläufe und Methoden sind sicher nur eingeschränkt möglich. Welche Probleme traten und treten dabei auf und inwiefern unterscheidet sich die Arbeitsweise von der sonst üblichen?

J.S.: Bei den Nationalmannschaften unterscheidet sich die Herangehensweise  von denen der Vereine. Wir haben deutlich mehr Zeit, uns auf die Gegner und die möglichen Aufgaben vorzubereiten. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, die Spieler bestmöglich weiterzuentwickeln, bis sie A-Nationalspieler werden.

Ein Problem derzeit ist der geringe Kontakt. Viele Informationen wurden über die gängigen digitalen Plattformen ausgetauscht als im Trainerteam zusammenzukommen und sich entsprechend an der Taktiktafel ausführlich mit diversen Themen auseinanderzusetzen. Trotzdem haben wir uns sehr gut auf das Turnier vorbereiten können. 

90PLUS: Wie sieht Ihre Arbeit während des Turniers aus? Zwischen den Spielen sind nur wenige Tage Zeit, werden dann im Vorfeld alle Gegner parallel aufgearbeitet und dann nur noch durch die Erkenntnisse des jeweiligen Gruppenspieltags ergänzt?

J.S.: Durch den engen Zeitplan ist es kaum möglich, alle Analysen alleine abzudecken. Deshalb werde ich bei einem Turnier  durch einen Kollegen bei der Gegnervorbereitung unterstützt, während ich mich um die eigene Mannschaft und die eigenen Spieler kümmere. Um die Zeit vor Ort optimal zu nutzen, haben wir auch im Vorfeld alle Gegner und potentiellen Spieler analysiert und profiliert. Bei den Einzelspielern berücksichtigen wir auch die Leistungen im jeweiligen Verein. Am Ende fließen noch die aktuellen Erkenntnisse aus dem Turnier in die Gesamtbewertung ein. 

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90PLUS: In diesem Zusammenhang ist interessant, wie sich die Aufsplittung des Turniers auswirkt. Auf der einen Seite verschafft Ihnen das mehr Zeit zwischen Gruppen- und K.O.-Phase, auf der anderen Seite sind in diesem Zeitraum auch wieder Veränderungen möglich, die sonst in einem Turnierverlauf eher nicht so stark ins Gewicht fallen. Wie verändert die Aufsplittung also auch Ihre Arbeit und würden Sie sich wünschen, dass der Modus zukünftig beibehalten wird?

J.S.: Da diese Situation neu ist, ist es schwer zu sagen, welche Auswirkungen sich auf unsere Arbeit ergeben. Für mich war es im Vorfeld einfacher, da ich mich nur auf drei Mannschaften fokussieren musste und den Rest unbeachtet lassen konnte. Es geht erstmal darum, weiterzukommen. Danach können wir uns in Ruhe auf die nächsten Aufgaben konzentrieren. Grundsätzlich ist es aber besser, wenn man ein Turnier beginnt und es auch zu Ende spielen kann. Eine Vorbereitung, in der man zusammenkommt und nochmal Dinge einstudieren kann, gab es diesmal auch nicht. 

90PLUS: Wie gehen Sie eine Analyse an und was sind die Details auf die Sie achten? Gibt es im Juniorenbereich wie bei der U21 Besonderheiten oder generell Unterschiede im Vergleich mit den etablierten Profis? Finden sich dadurch möglicherweise ungewohnte Details in der Spielanalyse oder ergeben sich spezielle Elemente?

J.S.Gerard Houllier hat mal gesagt, „Versucht, euch in den ersten 20 Minuten der jeweiligen Halbzeit besonders zu konzentrieren, weil da am ehesten die Spielidee des Trainers ersichtlich wird.“ Das Spiel startet bei 0:0, und jede Mannschaft versucht, ihren Plan durchzubringen. Am Anfang sieht man sehr deutlich, wie eine Mannschaft ins Spiel gehen will. Ähnlich ist es in der zweiten Halbzeit mit dem, was in der Halbzeitpause mitgegeben wurde. 

Im U21-Bereich gibt es Spieler, die in ihrem Verein bereits eine etablierte Rolle einnehmen. Sie versuchen diese Spielweise  auch auf die Nationalmannschaft zu übertragen. Dann gibt es Spieler, die in der U21 spielen aber im Verein eine Ergänzungsrolle haben und auf verschiedenen Positionen aushelfen müssen. Solche Besonderheiten muss man immer im Hinterkopf haben. 

Ein etablierter Spieler spielt im Verein nahezu genauso wie in der Nationalmannschaft. Ein Toni Kroos z.B. hat ein gewisses Standing, oftmals richtet sich eine Mannschaftsstruktur nach solchen Spielern. So etwas gibt es bei der U21 eher in den Top-Nationen.

90PLUS: Länderspiele finden seltener statt als die Spiele auf Vereinsebene. Hinzu kommt, dass manche Spieler in ihren Vereinen nicht spielen, aber dennoch bei der Nationalmannschaft eine wichtige Rolle einnehmen. Wie geht man damit um? Erschwert das die Vorbereitung möglicherweise?

J.S.: Da kommt es auch auf die Erfahrung an. Wenn jemand den Job seit 10 Jahren im Verein ausübt und neu zur Nationalmannschaft stößt, wird er sich damit wahrscheinlich erstmal schwerer tun, weil man im Verein die Mannschaft regelmäßig sieht. Auf Nationalmannschaftsebene ist das etwas anders und gerade in den unteren U-Nationalmannschaften. Da kommt eine Mannschaft für ein Jahr zusammen, und man hat vom Gegner vielleicht zwei brauchbare Spiele zur Verfügung.Um diese Informationen im richtigen Kontext zu interpretieren, zusammenzutragen und weiterzugeben, benötigt man Erfahrung.

„Können uns vollkommen auf die Weiterentwicklung der Spieler konzentrieren“

90PLUS: Wie ist die Gewichtung der Leistungen der Spieler in Verein und Nationalmannschaft? Was wiegt mehr, wenn ein Spieler nur mäßige Leistungen beim Verein zeigt, aber dafür gute bei der U21? Es gibt auch Spieler, die in ihrem Verein kaum zum Zug kommen. Wie geht man da in der Analyse vor, gibt es dann auch die Gelegenheit, auf Trainingseindrücke zurückzugreifen?

J.S.: Hier spielen sie mit und gegen Gleichaltrige. Das ist ein anderes Umfeld, welches den Spielern vor allem hilft, wenn es im Verein mäßig läuft, um vielleicht bei der Nationalmannschaft wieder zu ihrer bestmöglichen Leistung zurückzufinden.

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Der Vorteil an einer Nationalmannschaft ist, dass wir nicht diesen täglichen und wöchentlichen Druck haben. Natürlich ist das bei einem Turnier was anderes, trotzdem werden wir von den Spielern als neutrale beratende Anlaufstelle gesehen. Wir können uns vollkommen auf die Weiterentwicklung der Spieler konzentrieren und dadurch auch mal eine andere Perspektive einnehmen. Zudem sorgt die Tatsache, dass die Spieler mit gleichaltrigen zusammenkommen, für gute Stimmung.

90PLUS: In ihrem LinkedIn-Profil steht, dass Sie neben der Spielanalyse auch für das Scouting zuständig sind. Es wurde moniert, dass Stefan Kuntz mittlerweile vermehrt auf Spieler aus der zweiten Liga zurückgreifen muss, was früher eher eine Ausnahme darstellte. Als Grund wurde die mangelnde Spielzeit junger deutscher Talente genannt. Erhöht das den Aufwand für Sie, sich mit mehr Wettbewerben auseinanderzusetzen, um Spieler zu nominieren und inwiefern sind Sie gezwungen, „kreativ“ zu werden und bei der Nominierung auch mal ungewöhnliche Wege zu gehen, z.B. Spieler zu sichten, die der geneigte Bundesliga-Zuschauer möglicherweise noch nie gehört hat?

J.S.: Am Scouting hat sich im Prinzip nicht viel verändert. Es ist klar, welche zwei Jahrgänge oder auch jüngere Spieler für die U21 spielberechtigt sind. Daraus ergibt sich ein Pool aus 50-60 Spielern. Fürs Scouting ist es egal, ob sie in der 2.Bundesliga, Eredivisie oder der ersten österreichischen Liga spielen. Auch vor der Pandemie habe ich zum Großteil Videoscouting betrieben, weshalb sich da nichts verändert hat. Das Scouting ist also nicht kreativer geworden.

90PLUS: Andere Nationen haben Deutschland abgehängt, ist zu lesen. Sie machen den Job als Spielanalyst der U21 bereits mehrere Jahre. Auf das eigene Team bezogen: Hat sich das Niveau in Deutschland verschlechtert? Und können sie aufgrund Ihrer Erkenntnisse aus der Gegneranalyse bestätigen, dass andere Nationen Deutschland mittlerweile um einiges voraus sind?

J.S.: Man merkt, dass die Spieler aus anderen Nationen mittlerweile mehr Einsatzzeiten im Profibereich als unsere deutschen Talente haben. Das hat Einfluss auf die Entwicklung der Spieler. 

Die deutschen Mannschaften haben sich selten aufgrund der besten Technik ausgezeichnet. Was bei uns immer herausstach, war der Team-Spirit und der Charakter der Mannschaften, z.B. bei der EM 2019, bei der wir nicht als Top-Favorit gehandelt wurden, aber ins Finale gekommen sind. 2017 sind wir Europameister geworden, obwohl andere Mannschaften qualitativ bessere Spieler hatten. 

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90PLUS: Wie groß ist das Team, mit dem Sie den Bereich Spielanalyse und Scouting abdecken. Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern und den Co-Trainern aus und wer koordiniert die Abläufe? Bekommt man zudem alles ausreichend abgedeckt, oder nutzen Sie auch Erkenntnisse, die Ihnen durch Kontakte zugetragen werden?

J.S.: Ich bin Experte für den Bereich der Spielanalyse und entsprechend für diese zuständig. Somit gehöre ich auch zum Trainerteam und bei allen Sitzungen dabei. Wir haben Schwerpunkte, Daniel Niedzkowski (Co-Trainer der U21, Anm. d. Red.) kümmert sich u.a. um die Standards während Antonio di Salvo (ebenfalls Co-Trainer U21, Anm. d. Red.) sich mit mir mit der Gegneranalyse beschäftigt. 

Grundsätzlich aber schaut sich jeder die Spiele eigenständig an, danach kommen wir zusammen und versuchen in gemeinsamen Meetings und Diskussionsrunden, die Erkenntnisse zusammenzutragen und einen geeigneten Matchplan zu erstellen.  Alles was mit Spielanalyse und Scouting zu tun hat, koordiniere ich. Das reicht von Datenanalysen bis hin zu Scoutingplänen für Turniere. Das erfolgt alles immer in enger Absprache mit dem Trainerteam und der sportlichen Leitung vom DFB. 

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Gero Lange

Fußballbegeistert seit der Heim-WM 2006. Großer Fan von Spektakelfußball mit vielen schönen Toren, am liebsten aus der Distanz. Seit 2020 bei 90PLUS

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