Konkurrenz, Sarri, Kader: Juventus‘ Titelserie könnte reißen

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2011 gewann der AC Mailand den Titel in der italienischen Serie A, seitdem ging jeder „Scudetto“ an Juventus Turin. Diese Serie ist beeindruckend, könnte aber in dieser Saison reißen. Die Gründe dafür sind vielschichtig, die Chance auf einen neuen Meister ist größer denn je..

Maurizio Sarri: Erwartungen gegen Realität

Als bekannt wurde, dass Maurizio Sarri zum Start der laufenden Saison neuer Trainer von Juventus Turin wird, sahen viele Fußballfans in Italien schon den typischen, ballbesitzlastigen Sarri-Ball durch die Stadien ziehen. In Neapel zelebrierte der passionierte Kettenraucher mit seiner Mannschaft einen Stil, der sich insbesondere durch einen guten Spielaufbau und ein vorausschauendes Passspiel auszeichnete.

Doch schon bei Chelsea konnte Sarri die Ballbesitzelemente nicht mit dem nötigen Killerinstinkt im letzten Drittel kombinieren. „F**k Sarri-Ball“-Rufe schallten von der Tribüne – und das nicht selten. Das Missverständnis wurde beendet, der Exzentriker kehrte in die Serie A zurück und sollte Juventus nicht nur an der Spitze der Liga halten, sondern auch international endlich zum großen Titel führen.

(Photo by JONATHAN NACKSTRAND/AFP/Getty Images)

Nun sind einige Monate unter dem neuen Trainer vergangen und auch rund um die „Vecchia Signora“ kreisen noch einige Fragezeichen, was den berühmten, typischen sarriesken Fußball angeht. In der Serie A steht Juventus zwar an der Spitze, die Niederlage in der Champions League bei Olympique Lyon ohne eigenen Treffer bestätigt die Kritiker aber. Die Frage, ob es zu einer Wachablösung im Kampf um den „Scudetto“ kommt, drängt sich mehr und mehr auf.

Konkurrenz zum „richtigen“ Zeitpunkt

Das liegt einerseits daran, dass Juventus zwar ordentlich punktet, aber weder Glanz versprüht noch den Schrecken gnadenloser und konstanter Effizienz verbreitet, andererseits aber auch an der Konkurrenz. Inter Mailand und Lazio Rom sind die Herausforderer – und meinen das auch ernst. Inter hat es schnell verstanden, die Ideen von Antonio Conte auf dem Platz umzusetzen und Lazio-Trainer Simone Inzaghi hat im Sommer an den nötigen Stellschrauben gedreht, was der Mannschaft zum entscheidenden Entwicklungsschritt verhalf.

In den letzten Jahren hatte vor allem die SSC Neapel wiederkehrend gute Chancen sich bis zuletzt als Herausforderer von Juventus zu präsentieren, in den entscheidenden Saisonphasen patzten die „Partenopei“ aber, während die „Alte Dame“ zuverlässig, wenn auch nicht immer schön, punktete. Diese entscheidenden Saisonphasen stehen zwar noch auf dem Programm, die Ausgangslage ist aber spannend wie selten zuvor. Juventus führt die Serie A mit 60 Punkten an, Lazio steht bei 59 Zählern und Inter, das noch ein Spiel in der Hinterhand hat, konnte bisher 54 Punkte einfahren.

(Photo by Pier Marco Tacca/Getty Images)

Wie es der Zufall will, treffen Juventus und die „Nerazzurri“ aus Mailand am Wochenende in Turin aufeinander. In diesem Duell geht es vor allem darum, Zeichen zu setzen. Nachdem Inter zuletzt das Spitzenspiel bei Lazio verlor, wäre ein Remis oder gar ein Sieg ein Statement, nicht nur an den direkten Gegner, sondern an die gesamte Konkurrenz in Italien. Und Juventus? Der Branchenprimus will zeigen, dass er doch in der Lage ist, in großen Spielen nicht nur Punkte einzufahren, sondern fußballerisch auch die Akzente zu setzen, die einem Spitzenteam und Serienmeister gerecht werden.

Juventus: Fragezeichen bei der Kaderplanung

Als Juventus im Sommer 2018 für einen Paukenschlag auf dem Transfermarkt sorgte und Cristiano Ronaldo verpflichtete, hofften die Verantwortlichen, dass das letzte Puzzleteil zum großen europäischen Triumph gefunden wurde. „CR7“ sollte mit seinem Killerinstinkt in den großen Spielen dafür sorgen, dass die Alte Dame nicht nur an der Silberware in Europa schnuppert, sondern diese auch gewinnen kann. Mehr als 18 Monate später wird man bei der Betrachtung des Kaders das Gefühl nicht los, dass mit Ronaldo zwar einer der besten Spieler der Welt im Aufgebot steht, aber zahlreiche andere Problemfaktoren existieren.

Schon in der Defensive findet sich das erste Fragezeichen. Alex Sandro ist zweifelsohne einer der besten Linksverteidiger der Welt, ihm fehlt auf der Gegenseite aber das Äquivalent. Mattia De Sciglio, Danilo oder der zuweilen dort eingesetzte Offensivspieler Juan Cuadrado haben allesamt mindestens leichte Defizite. Die Innenverteidigung wurde mit Matthijs de Ligt vorausschauend ergänzt und genügt zumindest über weite Strecken höchsten Ansprüchen. Auf das Mittelfeldzentrum trifft das in dieser Form nicht zu. Es fehlt nicht nur an einem dominanten Aufbauspieler der Marke Jorginho, der den Sarri-Ball in Neapel mitprägte und seinem Förderer mit nach London folgte, die Vorliebe der Juventus-Verantwortlichen für Box-to-Box-Spieler sorgt zudem für fehlende Homogenität.

(Photo by Tullio M. Puglia/Getty Images)

Und selbst im Offensivbereich täuschen Namen wie Gonazlo Higuain, Paulo Dybala und Ronaldo darüber hinweg, dass Raum für Verbesserungen besteht. Higuain und Dybala haben ihre Stärken im Zentrum, Ronaldo ist zwar in der Lage auf der Außenbahn zu spielen, weicht aber gerne in die Mitte aus und versucht, sich in aussichtsreiche Abschlusspositionen zu bringen. Trainer Sarri variiert in dieser Saison, lässt häufig in einer 4-3-1-2-Formation spielen, in den letzten Wochen aber auch wieder vermehrt im 4-3-3. In beiden Systemen profitieren einige Spieler, aber die Lösung der Probleme kann weder mit der einen, noch mit der anderen Formation hergestellt werden. 

Dafür fehlt es der Mannschaft an hochkarätigen, dominanten Flügelspielern. Im Fall des talentierten Federico Bernardeschi fehlt der letzte, entscheidende Entwicklungsschritt, Douglas Costa und den bereits angesprochenen Cuadrado vereint, dass beide mit Konstanz-Dellen zu kämpfen haben, zudem verpasste der Brasilianer viele Spiele verletzt. Die Verantwortlichen müssen also auch in die Pflicht genommen werden und sich die Frage gefallen lassen, wieso gleich mehrere Schlüsselpositionen nicht adäquat besetzt sind. Unabhängig des weiteren Saisonverlaufs muss ein Bewusstsein für die Fehler entstehen und personell nachgelegt werden.

Passt Maurizio Sarri mittelfristig zu den Ansprüchen?

„Juve, storia di un grande amore“ heißt es im bekannten, melodischen Lied, das vor und nach Heimspielen der Alten Dame durch das Stadion tönt. Von einer Liebesbeziehung zwischen Juventus und Sarri kann bislang noch nicht die Rede sein. Der Trainer selbst fiel zuletzt sogar vielmehr durch einen Abwehrmechanismus auf, nahm die Mannschaft nach dem Spiel gegen Lyon in die Pflicht: „Gestern beim Training haben wir den Ball doppelt so schnell laufen lassen. Das ist das Gegenteil von dem, was wir uns vorgenommen haben. In letzter Zeit machen wir immer wieder in Spielen das Gegenteil vom Training. Ich verstehe es einfach nicht“, so Sarri gegenüber „Sky Italia“.

(Photo by PHILIPPE DESMAZES/AFP via Getty Images)

Ist die Mannschaft also nicht in der Lage, die Inhalte und Anforderungen Sarris auf den Platz zu bringen? Oder muss Sarri aufgrund der Kaderzusammenstellung seine Vorstellungen, an denen er vielleicht zu stur festhält, anpassen? Die Wahrheit liegt womöglich in der Mitte. Daraus ergibt sich auch automatisch die Frage, ob der 61-Jährige der richtige Mann ist, um Juventus in den kommenden ein bis zwei Jahren (Vertragsablauf 2022) dorthin zu führen, wo sich der Klub selbst wähnt. Nicht umsonst fantasiert Präsident Andrea Agnelli bereits öffentlich von der Möglichkeit, Pep Guardiola irgendwann in die Region Piemont zu lotsen.

Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass es Juventus gelingt, das Ruder in dieser Saison noch einmal herumzureißen, den Scudetto zu gewinnen und in Europa eine gute Rolle zu spielen, dafür ist die individuelle Qualität auf vielen Positionen hoch genug und jeder Konkurrent ist mit einem kleinen „aber“ versehen. Zweifel bestehen trotzdem und es wäre nicht überraschend, wenn zum Saisonende nicht nur eine andere Mannschaft den begehrten Meisterpokal in die Höhe halten könnte, sondern auch eine Trainerdiskussion beim Serienmeister der vergangenen Jahre geführt werden muss. Sarri muss jedenfalls noch Argumente sammeln, wenn er auch in den kommenden Spielzeiten das Vertrauen der Verantwortlichen genießen will.

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 (Photo by Philippe DESMAZES / AFP) 

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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