Zum Karriereende von Tomas Rosicky: Perfekt unperfekt

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Es ist offiziell. Am heutigen Mittwochmorgen wurde verkündet, dass ein weiterer herausragender, begnadeter Fußballer seine Karriere mit sofortiger Wirkung beenden wird: Tomas Rosicky. Der mittlerweile 37-jährige Tscheche spielte in seiner Karriere nur für drei Vereine: Sparta Prag, wo seine Karriere begann“ und auch endete, Borussia Dortmund und dem FC Arsenal. Neben seinen fußballerischen Fähigkeiten war ragte Rosicky vor allem durch seine Bodenständigkeit heraus, war eine Art Publikumsliebling.

Dass seine Karriere in der Nachbetrachtung vielleicht noch etwas besser hätte verlaufen können ist klar. Es gibt viele Gründe, warum dies nicht der Fall ist. Rosicky deswegen als „unvollendet“ zu bezeichnen, wäre falsch. Denn irgendwie macht gerade das seine Karriere aus. Der Tscheche wollte vor allem Spaß auf dem Platz haben und den Zuschauern Freude bereiten – und genau das hat er getan.

Wiederkehrende Verletzungsproblematik

„Ich bin nicht mehr in der Lage meinen Körper für den professionellen Fußball in Form zu bringen.“ Dieser Satz von Tomas Rosicky zu seinem Karrieende ist charakteristisch für einen großen Teil seiner Karriere. Gerade seine Zeit beim FC Arsenal war geprägt von Rückschlägen, langen Pausen, viel Rehatraining und anschließenden Comebacks. Gerade mental waren die verletzungsbedingten Ausfälle nur schwer zu verkraften und wenn Rosicky nicht so ein begnadeter, leidenschaftlicher Fußballer und insgesamt positiver Mensch gewesen wäre, hätte diese Karriere möglicherweise schon früher enden können.

(Photo by Julian Finney/Getty Images)

Über 170 Spiele verpasste Tomas Rosicky in seiner Zeit bei den „Gunners“, aber sobald er wieder auf dem Platz stand, hatte der Zuschauer das Gefühl, dass er wieder ganz der Alte war. Rosicky hatte sofort wieder einen positiven Einfluss auf das Spiel, erzielte entscheidende Tore, bereitete herrliche Treffer vor. Dass er mit 319 insgesamt für eine solche Karriere eher „wenige“ Spiele in der Bundesliga und in der Premier League absolviert hat, spielt für die Nachbetrachtung keine Rolle. Auch, dass er insgesamt recht wenige Vereinstitel gewinnen konnte. Denn dafür gab es zu viele Augenblicke, in denen man Rosicky einfach nur zuschauen und genießen konnte.

Technisch brillanter Kreativspieler

Den Spielstil von Tomas Rosicky zu kategorisieren fällt schwer. Denn der Tscheche war ein cleverer Spieler, der während seiner Karriere von den aktuellen Entwicklungen im Profifußball gelernt hat und der sich anpassen konnte. Gerade als die Verletzungen sich häuften standen Technik, Passspiel und das taktische Verständnis im Vordergrund, während er Jahre zuvor noch ein dynamischer, nicht selten zum Tor ziehender Offensivspieler war, der viele Angriffe mit antrieb. Eines zieht sich aber durch seine gesamte Karriere, und zwar die Kreativität. Rosicky war immer in der Lage, ob im Klub oder in der Nationalmannschaft, mit einem genialen Moment ein Spiel auf den Kopf zu stellen oder zu entscheiden. Mit Rosicky auf dem Platz bestand immer die Hoffnung, dass jederzeit etwas passieren könnte.

Rosicky konnte in Spiel lesen, war unheimlich spielintelligent, zeigte in Dortmund bereits tolle Dribblings, fantastische Pässe und entwickelte sein Spiel immer weiter. Bei Arsenal war er zum Beispiel exzellent in das spektakuläre Kombinationsspiel eingebunden, lief traumwandlerisch sicher schwerste Spielzüge und war elementarer Bestandteil einiger fantastischer Tore. Dazu lief er fast immer mit einem Lächeln über den Platz, zeigte, dass er jederzeit Spaß hat. Zudem konnte er Verantwortung übernehmen, war jahrelang Aushängeschild und Anführer der tschechischen Nationalmannschaft, für die er seit seinem Debüt im Jahr 2000 über 100 Länderspiele absolvierte, sein letztes im Juni 2016 gegen Kroatien, natürlich als Kapitän.

5 1/2 prägende Jahre in Dortmund

Im Januar 2001 verpflichtete Borussia Dortmund Tomas Rosicky und den BVB-Verantwortlichen schien von Tag 1 bewusst zu sein, dass sie kein gewöhnliches Talent aus Tschechien verpflichtet haben. Viele europäische Klubs buhlten seinerzeit um den Spielmacher mit dem jugendlichen Gesicht, in der heißen Phase vor der Verpflichtung stieg die Ablösesumme quasi minütlich. Rosicky sollte die BVB-Offensive beleben, ein Gesicht des Vereins sein und den Fußball der Dortmunder jahrelang prägen. Bereits in seiner ersten kompletten Saison bei den Schwarzgelben feierte er 2002 die deutsche Meisterschaft, war einer der hervorstechenden Akteure und schnell sehr beliebt – bei den eigenen Fans aber auch grundsätzlich in der Medienlandschaft.

(Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Die nach Dortmund mitgebrachten Vorschusslorbeeren sind das Eine, aber diese Begabung so schnell in konstant gute Leistungen umzumünzen ist eine Leistung, vor der man nur den Hut ziehen kann. Rosicky gehört zu den prägenden offensiven Mittelfeldspielern der 2000er-Jahre, wie sie eigentlich jeder „Bayernkonkurrent“ dieser Jahre hatte, sei es Hleb, van der Vaart, Diego oder auch Lincoln. Der Tscheche gewann Spiele mit, aber vor allem gewann er auch Spiele für Dortmund. Durch Tore, Pässe, Standards und durch seine Mentalität. Matthias Sammer forderte und förderte ihn, Dortmund war zur Zeit von Rosicky ein absolute Spitzenteam, hatte unter anderem mit Amoroso, Evanilson, Frings und Koller ein begnadetes Team, das sich große Duelle mit den Bayern, Leverkusen, Stuttgart oder Schalke im Derby geliefert hat.

10 Jahre bei den Gunners

Der Wechsel zu Arsenal im Sommer 2006 war ein Schock für die Fans der Borussia. Doch nach einer schwachen Saison des BVB lockte der CL-Finalist, Klub und Spieler trennten sich „in bestem Einvernehmen“, wie Hans-Joachim Watzke damals betonte. Rosicky hatte sich in Dortmund aber einen derartigen Status erarbeite, dass es so gut wie keine negativen Reaktionen seitens der Fans gab. Der Spieler selbst schlug nun ein neues Kapitel auf, hatte große Ziele mit den Gunners und wollte noch stärker werden. Doch Rosicky wechselte zu einem Zeitpunkt nach London, der für Arsenal nicht einfach war.

(Photo by Michael Regan/Getty Images)

Der aufgrund des Baus des Emirates Stadium finanziell nicht gerade auf Rosen gebettete englische Verein hatte in Sachen Transfers nicht den größten Spielraum. Lange Zeit waren Transfers in Höhe von rund 20 Millionen Euro das absolute Maximum, während die englische Konkurrenz immer größere Summen ausgeben konnte. Rosicky war also jahrelang Teil eines extrem talentierten, spielstarken Konstrukts, das aber immer, wenn es kurz vor dem entscheidenden Entwicklungsschritt war, die besten Spieler teuer verkaufen musste. Mal funktionierte die Integration neuer Spieler besser (Rosicky, Sagna, Nasri), mal eben weniger gut. Spieler wie Henry, Adebayor, Kolo Toure, später auch Fabregas, Nasri oder van Persie hinterließen eine große Lücke.

Doch Rosicky ging immer voran, war in jeder Saison ein sehr angesehener Spieler, der selbst während seiner Zwangspausen wichtig war. Er half den jungen Spielern enorm weiter, wirkte nie negativ, auch wenn die Verletzung noch so schwer war. Dass er sich immer wieder zurückgebissen und alles für Arsenal gegeben hat, werden ihm die Anhänger der „Gunners“ nie vergessen. Tomas Rosicky war immer ein Vorbild, der den Medienrummel nicht brauchte. Auch abseits des Platzes hörte man nichts von Rosicky, er war ein ruhiger Typ, der nicht durch Eskapaden auffiel, sich immer zurückhielt. Jede Einwechslung, jedes neue Comeback im Emirates Stadium wurde von den Zuschauern frenetisch bejubelt, ebenso emotional war auch die Verkündung des Abschieds bei Arsenal und die Rückkehr zum Heimatklub Sparta Prag.

Unvergessene Momente

Eine solche Karriere liefert natürlich viele beeindruckende Momente, positiv wie negativ. Die Fans von Borussia Dortmund werden sich noch gut an den Freistoß zurückerinnern, den Rosicky im April 2001 (Spitzenspiel gegen den FCB) an die Innenseite des Lattenkreuzes beförderte. Von dort prallte er Ball genau vor die Füße von Oliver Kahn, der die Kugel auf der Torlinie kontrollierte. Auch das war eine Aktion, die wunderbar charakteristisch für die Rosicky-Karriere ist. Ebenfalls unvergessen ist sein Tor zum 4:2 beim Hamburger SV, als er ab der Mittellinie auf das leere Tor zuraunte und bereits 30 Meter vor dem Kasten in Jubelstürme ausbrach, während er mit dem Ball noch bis zum To dribbelte.

(Photo by Vladimir Rys/Bongarts/Getty Images)

Auch beim entscheidenden Tor zur Meisterschaft 2002 hatte Rosicky seine Finger beziehungsweise seinen rechten Fuß im Spiel. Er war es nämlich, der den öffnenden Ball über gleich vier Werder-Verteidiger in den freien Raum spielte, Dede genau in den Lauf und Ewerthon bugsierte den Ball am langen Pfosten über die Linie. Den Arsenal-Fans bleiben wohl vor allem viele herausragende Kombinationen im Kopf, aber es gab zwei besondere Tore. Zum Einen der Treffer in der Champions League beim HSV, als Rosicky den Ball aus mehr als 25 Metern ins linke obere Eck hämmerte, oder aber der Treffer gegen Tottenham im März 2014, als er Arsenal mit einem perfekt platzierten Schuss in den linken Winkel bereits nach 1 Minute mit 1:0 in Führung brachte.

Es mag so aussehen, als habe Rosicky bei Arsenal an Effizienz eingebüßt. Das stimmt aber nur zum Teil, denn einerseits kam er häufiger zu Kurzeinsätzen als in Dortmund, andererseits hatte er sein Spiel, wie erwähnt, angepasst. Er kam häufiger aus der Tiefe, war im kreativen Bereich tätig und mehr am Spielaufbau beteiligt. In Dortmund war er der Mittelfeldstar, der Spielmacher, während er bei den Gunners zu einem nicht wegzudenkenden, charakteristischen Teil der Mannschaft, einem Gesicht des berühmten „Wengerballs“ wurde. In beiden Vereinen hat er bleibende Spuren hinterlassen, bezeichnend sein Auftritt mit Arsenal in der Königsklasse beim BVB, als er von den Fans beider Seiten gefeiert wurde.

(Photo by PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images)

Tomas Rosicky. Es war uns eine Ehre.

Das Trikot flatterte um den eher schmächtigen Körper, die kurzen Ärmel reichten mitunter bis über den Ellbogen. Und plötzlich entfaltet dieser Spieler eine ungeheure Dynamik, ihn umgibt eine besondere Aura, wenn er durch die gegnerischen Abwehrreihen stürmt, häufig nur durch ein Foul zu stoppen. Der Ball klebte an seinem Fuß und wie aus dem Nichts war er immer in der Lage einen knallharten und präzisen Schuss abzufeuern. So kennt man Tomas Rosicky und so wird man ihn in Erinnerung behalten. Und nicht als Fußballer, der eben ein Stück vom ganz großen Wurf entfernt war. Wir sagen: Danke!

 

 

 

 

Ein paar Erinnerungen:

https://www.youtube.com/watch?v=Ob4_fudS0EI

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=DyJeJ8bXMT8

 

 

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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