Wer war der beste HSV-Trainer der letzten 15 Jahre?

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Der HSV ist seit einigen Jahren das Sinnbild für Chaos im deutschen Profifußball. Allen voran der enorm hohe Verschleiß an Trainern ist in Deutschland einzigartig. West Ham United beschäftigte zwischen 1895 und 1989 fünf verschiedene Trainer. Der HSV käme in diesen 96 Jahren auf 102 verschiedene Cheftrainer, nimmt man den Schnitt der vergangenen 15 Jahre. 16 verschiedene Cheftrainer versuchten sich in der langen Zeit des Niedergangs in Hamburg. Aber wer von den 15, die wieder gegangen sind, war der Beste?

Mit Jols Ende beginnt die Unruhe

Es begann mit Thomas Doll, der den Verein im Oktober 2004 übernahm und ihn vom Tabellenende in die Champions League und wieder zurück in den Keller führte. Huub Stevens rettete den Verein mit konsequenter Defensivtaktik vor dem Abstieg und führte ihn zweimal nach Europa, was auch Martin Jol gelang, der den HSV nach nur einem Jahr wieder verließ. Sein größter Fehler war wohl, dass er im Sommer 2008 die Verpflichtung eines gewissen Gareth Bale, den er aus seiner Zeit bei Tottenham kannte, ablehnte. Grund für Jols Aus waren Machtkämpfe auf Führungsebene, diese waren rückblickend im Sommer 2009 der erste Auslöser für eine unruhige, von sportlichem Misserfolg geprägte Zukunft.

(Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Unter Bruno Labbadia gelang die Qualifikation für Europa nicht mehr. Er war weniger als ein Jahr im Amt und mit ihm begann in Hamburg die Talfahrt. Armin Veh hielt sich ebenfalls nicht einmal ein Jahr und scheiterte vor allem am unruhigen Umfeld. Sein bisheriger Co-Trainer Michael Oenning war der Nächste. Er musste nach einem halben Jahr gehen und erzählte den Spielern vor einer 0:5-Niederlage in München, sie sollten auf Miroslav Klose achten. Klose spielte da aber schon bei Lazio Rom.

Sein Nachfolger, Thorsten Fink, war ein Jahr und elf Monate im Amt, und damit am längsten von allen HSV-Trainern seit Thomas Doll. Er blieb auch, als mit Slobodan Rajkovic und Paul Scharner zwei Profis öffentlich gegen ihn wetterten. Das Chaos hatte den einst so erfolgreichen und stolzen Verein da schon längst erfasst, aber als Fink im September 2013 gehen musste, wurde es abenteuerlich: Mit Bert van Marwijk wurde ein großer Name verpflichtet, der fiel aber vor allem dadurch auf, dass die Profis erstaunlich wenig trainieren mussten, obwohl sie immer tiefer in den Abstiegskampf gerieten.
Nach fünf Monaten folgte Mirko Slomka. Er rettete den HSV mit einem Minusrekord von 27 Punkten und sechs Pleiten aus den letzten sechs Ligaspielen in die Relegation. Durch zwei Unentschieden blieb der HSV auf schmeichelhafte Weise erstklassig. Slomka durfte die komplette Saisonvorbereitung leiten, musste aber nach den ersten drei Ligaspielen der neuen Saison gehen.

Im Herbst 2014 wurde Joe Zinnbauer von der zweiten Mannschaft befördert und in seinen ersten Tagen als Chefcoach von Nachwuchsleiter Bernhard Peters mit der Kamera begleitet. Zinnbauer verbreitete als junger Trainer Optimismus und Aufbruchstimmung, das HSV-Spiel war unter ihm aber wie selten zuvor von Torverhinderung und einer destruktiver Spielweise geprägt. Bemerkenswert, dass die Hamburger ausgerechnet unter einem so defensiv denkenden Trainer mit 0:8 in München verloren.

(Photo by Christof Stache /AFP via Getty Images)

Labbadia muss zum zweiten mal gehen

Im März 2015 war Zinnbauer Geschichte, Sportdirektor Peter Knäbel sollte den HSV bis zum Saisonende übernehmen. Knäbel war aber nur zwei Wochen im Amt und zählt deshalb nicht in diese Auflistung. Als Assistent wurde ihm der erfahrene Co-Trainer Peter Herrmann an die Seite gestellt, der wollte aber wohl nicht mit Bruno Labbadia zusammenarbeiten und war schnell wieder weg.

Labbadia kehrte zum HSV zurück und blieb fast anderthalb Jahre. Er rettete die Hamburger 2015 in der Relegation und stabilisierte den Verein nach schwierigen Jahren in der Saison 2015/16. Im September 2016 musste auch er gehen. Das schwierige Umfeld war wieder ein Thema, allen voran Investor Klaus-Michael Kühne, der Labbadia öffentlich anzählte. Sein letztes Spiel war eine knappe 0:1 Heimniederlage gegen den FC Bayern.

Dann kam Markus Gisdol, der trotz des historisch schlechten Saisonstarts 2016/17 mit zwei Punkten nach zehn Spielen noch die Klasse hielt. Gisdol prägte wie Joe Zinnbauer einen passiven Spielstil und verlor wie Zinnbauer 0:8 in München. Eine starke Rückrunde verhalf dem HSV zu einer erfolgreichen Aufholjagd, die mit dem direkten Klassenerhalt belohnt wurde. Markus Gisdol genoss in der Abstiegssaison 2017/18 lange das Vertrauen der Vereinsbosse, wurde aber im Februar doch entlassen.

Das große Hamburger Problem war zu diesem Zeitpunkt die Torgefahr. Nur 15 Tore schoss das Team in 19 Spielen. Als Reaktion auf die Angriffsschwäche holte man Bernd Hollerbach, einen defensiv orientierten Trainer, der vor seinem Engagement als HSV-Trainer schon mit Würzburg 17 Spiele in Folge ohne Sieg war, danach waren es 24. Und Hollerbach ging unter. In sieben Spielen holte der HSV drei Remis und verlor vier mal. Hollerbachs letztes Spiel war, wie bei Veh und Fink, eine Niederlage gegen die Bayern. Der HSV verlor 0:6 in München, Hollerbach wechselte HSV-Profi Dennis Diekmeier in der ersten Halbzeit aus und dessen Ehefrau zeigte in den sozialen Medien, wie sie wütend den Fernseher ausschaltete.

(Photo by Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images)

Christian Titz küsst die Stadt und den Verein wach

Dennis Diekmeier spielte fortan kaum noch eine sportliche Rolle. Aber es gelang nach vielen Jahren einem Trainer, das schwierige Hamburger Umfeld zu begeistern und die von Abstiegsangst zerissene Fangemeinde zu einen. Christian Titz, wie Doll und Zinnbauer von der zweiten Mannschaft befördert, belebte den HSV. Mit seiner mutigen, angriffsfreudigen Spielweise gab er dem Verein die Hoffnung zurück. Die Hypothek war letzten Endes zu groß, doch dank Titz ging der HSV mit Zuversicht und einem guten Gefühl in die zweite Liga.

Dort angekommen, ließ sich aber schon früh erahnen, dass Titz‘ offensive Spielweise noch wenig ausgereift war. Im ersten Zweitligaspiel der Vereinsgeschichte ging der HSV im eigenen Stadion mit 0:3 gegen Holstein Kiel unter. Das Team fing sich und spielte oben mit, einige Wochen später folgte der nächste herbe Rückschlag. Mit 0:5 verlor der HSV gegen Regensburg – die höchste Heimpleite der Vereinsgeschichte. Die Bosse vertauten ihm fortan nicht mehr. Im Oktober musste Titz gehen, der HSV stand nur auf Platz fünf, aber auch nur zwei Punkte hinter Tabellenführer Köln.

Titz galt als zu unerfahren. Die Vereinsführung holte als Reaktion Hannes Wolf, der zehn Jahre jünger ist als Titz. Wolf verpasste wegen einer Rückrunde, in der der HSV als Aufstiegskandidat das viertschlechteste Team der Liga war, den Aufstieg. Die Mannschaft, die unter Titz mit großer Euphorie in die zweite Liga gestartet war, hatte er kurz vor Saisonende komplett verloren.

Nur wenige HSV-Trainer bleiben in guter Erinnerung

Verloren hat in den vergangenen Jahren, speziell seit 2009, beim HSV fast jeder. Aus diesem Potpourri aus bitteren Niederlagen, skurrilen Zerwürfnissen und in 15 Jahren, mit Interimstrainern, insgesamt 20 Trainerwechseln, gingen viele Verlierer hervor. Die deutlichsten waren wohl Bernd Hollerbach und Michael Oenning. Hollerbach blieb ohne Sieg und hatte mit 0,47 Punkten pro Spiel den schlechtesten Punkteschnitt. Michael Oenning gewann nur sein erstes Bundesligaspiel als HSV-Trainer, blieb danach in der Bundesliga 14-mal sieglos.

(Photo by Thomas Starke/Bongarts/Getty Images)

In guter Erinnerung bleiben die ersten vier Trainer in dieser Aufzählung und Christian Titz. Nur die ersten drei, Doll, Stevens und Jol, aber wegen der dazugehörigen Amtszeit. Bis 2009 schien das Hamburger Umfeld noch in Takt zu sein, das erleichterte erfolgreiches Arbeiten enorm. Der Verein erreichte seine Ziele und insbesondere Huub Stevens und Martin Jol leisteten konstant gute Arbeit.

Martin Jol hatte mit 1,92 Punkten pro Spiel den besten Punkteschnitt aller Trainer der letzten 15 Jahre. Er flüchtete vor dem Chaos, als der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann und Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer einen Machtkampf führten, und Beiersdorfer diesen verlor. Deswegen muss seine Arbeit differenzierter bewertet werden. Wie Martin Jol unter den Umständen der folgenden Jahre zurechtgekommen wäre, kann man nicht beantworten. Anders als Doll und Stevens übernahm er den HSV in einer sportlich guten Situation.

Huub Stevens und Thomas Doll führten den HSV aus dem Abstiegskampf nach oben, wobei Doll mit der Champions League Qualifikation 2006 den größeren Erfolg feierte, aber Stevens Engagement im Rückblick nachhaltiger erscheint. Er ließ den sichereren, reiferen Fußball spielen. Auch schaffte er es, den HSV durch eine unruhige Phase im Sommer 2007 zu lenken, als sein bester Spieler Rafael van der Vaart unbedingt zum FC Valencia wechseln wollte, und bleiben musste. Van der Vaart spielte eine starke Saison und der HSV qualifizierte sich als Tabellenvierter für die Papierkugel-Saison im UEFA Cup, in der Nordrivale Werder Bremen mit dem Sieg im Halbfinale die lange Talfahrt des HSV einleiten sollte.

(Photo by Friedemann Vogel/Bongarts/Getty Images)

Thomas Doll lebte von seiner optimistischen Art und der mutigen Spielweise. In der Saison 2005/06 trugen auch die individuellen Fähigkeiten von Leistungsträgern, allen voran Sergej Barbarez und Rafael van der Vaart, den HSV. Als mit Barbarez, Beinlich, Boularouz und van Buyten ein Großteil der Achse des Teams wechselte, brachte Doll den Verein nicht mehr in die Spur sondern in den Abstiegskampf.

Labbadia und Titz scheiterten am fehlenden Vertrauen

Bruno Labbadia ist wegen seiner zweiten Amtszeit von April 2015 bis September 2016 in guter Erinnerung. Ähnlich wie Titz weckte er den Verein mit seiner positiven Art auf. Labbadia ermöglichte 2015/16 trotz turbulenter Zeiten eine sportlich ruhige Spielzeit, auch wenn er das Team spielerisch wenig weiterentwickelte. Labbadia gilt als typischer Feuerwehrmann und ließ bei mehreren Stationen nach einiger Zeit taktische Weiterentwicklung vermissen.

Seine Entlassung aber war fragwürdig, weil Investor Klaus-Michael Kühne beteiligt war. Er schien, wie einige vor und nach ihm, zu dem Zeitpunkt keine wirkliche Chance mehr zu haben. Was Labbadia leisten kann, wenn man ihn einigermaßen in Ruhe arbeiten lässt, zeigte er vergangene Saison beim VfL Wolfsburg, als er mit den Niedersachsen den fünften Platz erreichte.

(Photo by Joern Pollex/Bongarts/Getty Images)

Auch Christian Titz bewirkte mit seiner optimistischen Art viel. Zusätzlich transportierte er innovative fußballerische Inhalte. Er war der Liebling der Fans und auch anderthalb Jahre später trauern ihm viele HSV-Fans hinterher. Titz‘ Spielidee wirkte noch nicht ganz ausgereift, vermutlich war der Trainer noch nicht bereit für die große Aufgabe beim so unruhigen HSV. Letztlich scheiterte er an seinen Vorgesetzten. Auch bei ihm stellt sich die Frage, was er mit mehr Ruhe, und vor allem mehr Vertrauen, hätte erreichen können.

Fazit: Stevens und Jol waren die Besten

Thomas Doll wurde vor allem von einer starken Mannschaft getragen und reiht sich hinter den anderen Vier ein. Bruno Labbadia hat den HSV belebt, aber spielerisch wenig weiterentwickelt. Christian Titz hatte Labbadia eine klare taktische Idee voraus. Er wollte die Mannschaft spielerisch voranbringen, aber ihm fehlte die Erfahrung, und wie Labbadia das Vertrauen. Den attraktivsten und erfolgreichsten Fußball lies Martin Jol spielen. Der Niederländer zog nach einem Jahr den richtigen Schluss aus dem sich anbahnenden Chaos und ging. Sein Landsmann Huub Stevens war sportlich erfolgreich, führte den HSV aus einer Krise in den Europacup und kam mit schwierigen Umständen zurecht.
Aus dieser Argumentation heraus ist Huub Stevens der beste HSV-Trainer der letzten 15 Jahre.

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(Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Piet Bosse

Fasziniert von diesem einen langen Pass in die Spitze. Hat eine Schwäche für deutschen und französischen Fußball. Seit 2019 bei 90PLUS.

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