So gut war..: Werder-Spielmacher Diego

Wie gut war eigentlich...?

Viele außergewöhnlich gute Spieler hat die Bundesliga schon gesehen. Torgefährliche Stürmer, kluge Ballverteiler, geniale Freistoßschützen. Internationale Top-Stars, Weltklasse-Fußballer. Und dann, ab und zu, gibt es da die Besonderen. Die, die es schaffen, ganz allein die ganze Liga zu verzaubern. Die, die die Herzen aller Anhänger dieses Sports höher schlagen lassen.

Diego Ribas da Cunha war so ein Spieler. Unabhängig von persönlicher Vereinsliebe oder Fantum, wer sich in den späten 2000er-Jahren Fußballfan nannte, der war insgeheim auch ein Fan des Edeltechnikers aus Brasilien.

Diegos Tor für die Ewigkeit

Es ist der 20. April 2007, am 30. Spieltag der Fußball-Bundesliga empfängt Werder Bremen im Rennen um den Meistertitel den Abstiegskandidaten Alemannia Aachen. Nach 92 gespielten Minuten liegen die Norddeutschen dank Daniel Jensen und Markus Rosenberg mit 2:1 in Front. Die vermeintlich letzte Aktion des Spiels, ein Freistoß unweit der Mittellinie, wird von Jan Schlaudraff ausgeführt, der den Ball in Richtung Strafraum der Bremer bringt. Die können allerdings klären. Der Ball kommt zu Diego.

Aachen-Keeper Kristian Nicht, der für den Standard mit an den gegnerischen 16er gelaufen ist, nimmt die Beine in die Hand, auch Schlaudraff zieht im Sprint zurück in Richtung eigenem Kasten. Werder ist in der Vowärtsbewegung in der Überzahl, man könnte den Konter ruhig und überlegt ausspielen. Diego zieht lieber ab. Aus 62,6 Metern. 

(Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Höher und höher steigt der Ball, scheint weit über sein Ziel hinweg zu segeln. Dann senkt er sich ab, prallt auf den Boden, an die Unterlatte – und rein. „Tor des Jahres!“, schreit der Kommentator, und damit sollte er Recht behalten.

3:1 gewinnen die Kicker von der Weser, kratzen am Meistertitel – und müssen sich am Ende dann doch mit dem dritten Rang begnügen. Es war Diegos erste Saison im grün-weißen Trikot. Und sie sollte nur der Anfang sein.

Diego: Über Umwege ans Ziel

Schnitt, 1996. Bereits im zarten Alter von elf Jahren zieht es den jungen Diego Ribas de Cunha aus seiner Heimatstadt Ribeirão Preto in das fünf Autostunden entfernte Santos, wo er in der Jugendakademie des SFC gemeinsam mit dem späteren Real-Stürmer Robinho ausgebildet wird. Im Jahr 2002 debütiert der damals 17-Jährige für die Profimannschaft des brasilianischen Klubs, 2003 steht er zum ersten Mal für die A-Nationalmannschaft auf dem Platz. Zu dieser Zeit gilt Diego in seinem Heimatland als DAS Top-Talent, der nächste Pelé, auf dem Weg zum besten Spieler der Welt. Mit Santos gewinnt er in den folgenden knapp drei Jahren zwei Meistertitel sowie die Aufmerksamkeit zahlreicher europäischer Scouts. Es folgt der logische nächste Schritt, der Wechsel nach Europa.

Diego porto
Photo by Koichi Kamoshida/Getty Images

Der FC Porto erhält den Zuschlag und zahlt sieben Millionen Euro für Diego, der sein Glück in Portugal allerdings nie wirklich findet. Seinem früheren Berater Dino Lamberti zufolge sei der Wechsel zu früh gekommen, der Einfluss des Vaters und dessen Traum vom großen Geld zu stark gewesen. Dazu kam ein schlechtes Verhältnis zum damaligen Trainer Co Adriaanse, der den Spielmacher regelmäßig auf die Tribüne verbannt. Die Folge: kaum Spielzeit, viel Frust und eine verpasste Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland.

Trotzdem haben zahlreiche Manager den offensiven Mittelfeldspieler weiter auf der Liste, unter Ihnen ein gewisser Klaus Allofs. Der Werder-Verantwortliche sucht nach Ersatz für den kürzlich nach Bordeaux gewechselten Spielmacher Johan Micoud und ist sogar bereit, für seinen Wunschspieler eine Rekordsumme auszugeben. Sechs Millionen Euro Ablöse zahlt der SV Werder Bremen, eine Million mehr, als die bisher teuersten Zugänge Torsten Frings und Miroslav Klose kosteten. Die Fußstapfen von Micoud auch nur ansatzweise zu füllen, war eine große Aufgabe. Zu groß?

Hochzeit und Wermutstropfen

Diego Ribas da Cunha schlägt bei Werder ein. Und wie. Der kleine Brasilianer wirbelt durch die Bundesliga, erzielt in seiner ersten Saison in 33 Ligapartien 13 Tore und bereitet weitere 14 Treffer vor. Seine Spielweise reflektiert seine Herkunft, „typisch brasilianisch“. Der Ball klebt ihm förmlich am Fuß, wirkt fast wie ein Körperteil, macht, was immer sein Meister von ihm verlangt. Sei es, seine Gegner reihenweise wie Fahnenstangen aussehen zu lassen, millimetergenaue Pässe über große Distanzen zu schlagen, oder das Leder eben selbst im Tor zu versenken – bei Diego wirkt es so einfach, so natürlich, so logisch. 

Diego
Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images

„Ich habe solche Dinge nie besonders geübt. Ich glaube, es ist einfach eine Gabe, die mir mitgegeben wurde“, so sagt der 1,75 Meter große Zauberfuß im Interview mit der „Zeit“ im März 2007. Vergleiche mit den ganz Großen werden wieder laut, Vergleiche mit Pelé, Maradona, Ronaldinho. Vergleiche, von denen er selbst nichts hören will. 

Für große Worte war er in der Tat nie bekannt, Diego ließ lieber Taten sprechen. Was in Porto nicht funktionieren wollte, klappte plötzlich wieder. Er kann sein so frühzeitig attestiertes Talent umsetzen und erfüllt die hohen Erwartungen, mit denen er aufgewachsen war. Am Ende der Saison 2006/07 wird er in der Kicker-Umfrage zum besten Feldspieler der Saison gekürt, wird drei Mal Spieler des Monats und führt Werder Bremen zur Herbstmeisterschaft und in die Champions League. 

Auch in der Nationalmannschaft Brasiliens hatte er sich mittlerweile einen Namen gemacht. Vier Jahre nach seinem Debüt für die Seleçao gehört er 2007 und 2008 zum Stammpersonal. Danach wird er jedoch nicht mehr berücksichtigt. Falsches Timing, die falschen Trainer, eventuell auch die ein oder andere falsch getroffene Entscheidung – an einer Weltmeisterschaft durfte der heute 35-Jährige in seiner Karriere nicht teilnehmen.

„Werder war meine beste Zeit“

Doch zurück ins Geschehen. Längst zum Publikumsliebling avanciert, kann Diego mit Bremen in der Spielzeit 2007/08 an seine starken Leistungen anknüpfen. Trotz des Abgangs von Schlüsselspieler Miro Klose zum FC Bayern und dem Flop des neuen Rekord-Transfers von Carlos Alberto holt der SVW am Ende der Saison die Vizemeisterschaft, Diego erreicht in 30 Auftritten 13 Tore und elf Vorlagen.

Sein Ausnahmetalent und seine enorme Relevanz für den Erfolg der Bremer Mannschaft streitet mittlerweile keiner mehr ab. Gleichwohl zeigt sich auch regelmäßig das Temperament des Spielmachers. Im Februar 2008 verpasst Diego aufgrund einer Tätlichkeit drei Ligaspiele. Noch im selben Jahr wird er nach einer Würgeattacke gegen KSC-Kapitän Christian Eichner am 16. Spieltag der Saison 2008/09 vom Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes für vier Spiele gesperrt. 

Auch nach dieser Spielzeit zählt Diegos Scorer-Konto zwölf Tore und sieben Assists aus nur 21 Spielen, Werder steht nach dem 34. Spieltag trotzdem nur auf dem zehnten Rang. Das schlechteste Ergebnis seit dem Amtsantritt von Thomas Schaaf zehn Jahre zuvor. Die Pokalwettbewerbe laufen dafür deutlich erfolgreicher: Im UEFA-Cup endet die Reise erst im Finale, den DFB-Pokal nehmen die Bremer durch einen Treffer von Mesut Özil sogar mit nach Hause. Der einzige Titel, den Diego mit Werder je gewinnen sollte. 

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Denn nur wenige Wochen später, im Sommer 2009, endet seine Zeit an der Weser. Europa ruft, die Top-Klubs stehen Schlange. FC Bayern, Real Madrid, alle wollen den kleinen Brasilianer. „Mein Ziel war es immer, in einer anderen Liga zu spielen“, gibt dieser später zu. Doch auch Diego weiß heute: „Werder war meine beste Zeit.“

Zwischen Wolfsburg und Europa

Für die damals enorme Summe von 27 Millionen Euro geht es zur Alten Dame nach Turin, wo Diego auf den ganz großen internationalen Durchbruch hoffte. Seine Statistik der ersten Saison in Italien kann sich auch durchaus sehen lassen, 33 Einsätze, fünf Tore und elf Vorlagen stehen nach einem Jahr bei Juventus zu Buche. Trotzdem will sich das erhoffte Hochgefühl nicht so richtig einstellen, weder beim Spieler noch beim Verein. Und so endet das Kapitel Serie A bereits nach einer Spielzeit und der italienische Rekordmeister verkauft seinen vermeintlichen Königstransfer zurück nach Deutschland.

15,5 Millionen zahlt der VFL Wolfsburg, bei dem Diego die Offensive mit Landsmann Grafite, Edin Dzeko und Mario Mandzukic verstärkt und theoretisch zu einer der gefährlichsten der Liga macht. Theoretisch. Denn in der Praxis kämpft der VFL um den Klassenerhalt und beendet die Saison auf dem 15. Rang. Außerdem kommt es zum Zwist zwischen Trainer Felix Magath und Diego. Nachdem der als „im Umgang nicht immer einfach“ bekannte Coach den Spielmacher dann auf die Tribüne verbannt, verlässt dieser kurzerhand das Mannschaftshotel. Damit ist das Band zwischen den beiden endgültig zerschnitten. Diego spielt in den Planungen Magaths keiner Rolle mehr und verlässt die Wölfe 2011 auf Leihbasis in Richtung Spanien. 

Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Bei Atletico Madrid findet er zwischenzeitlich wieder zu alter Stärke, gewinnt mit den Rojiblancos die Europa League und steuert dabei im Finale sogar ein Tor und eine Vorlage bei. Auch zurück bei Wolfsburg läuft es nach der Entlassung Magaths zunächst weiter gut für den kleinen Brasilianer, seine Form aus Bremer Zeiten sollte er aber nicht mehr wiederfinden. Über Umwege (Altetico Madrid, Fenerbahce Istanbul) führt sein Weg im Juli 2016 dann zurück in sein Heimatland. Mit Flamengo wird der Edeltechniker 2019 sogar noch einmal Meister. Obwohl die Presse ihm nach einer schweren Verletzung, die er sich im Achtelfinale der Copa Libertadores zuzog, bereits das Karriereende voraussagt, kämpft Diego sich zurück. Er ist noch nicht fertig. Im Finale gegen River Plate am 23. November steht er wieder auf dem Feld und gewinnt die Copa.

Diego Ribas da Cunha: Was bleibt?

Wenn Diego Ribas da Cunha in einigen Monaten oder Jahren seine Schuhe an den Nagel hängt, dann kann er auf eine bewegte Karriere zurückblicken. Eine Karriere mit Höhen und Tiefen, deren Höhepunkt zwar gewaltig war, aber definitiv zu schnell verstrich. Einige Entscheidungen würde er im Nachhinein vielleicht anders treffen, an einigen Stellen in eine andere Richtung abbiegen. Oder eben auf der Straße bleiben, auf der er immer auf der Überholspur war. 

Photo by Bruna Prado/Getty Images

Im Gedächtnis wird er jedenfalls bleiben. Er zeigte der Bundesliga, wie Fußball auch aussehen kann. Er schaffte es, dass selbst der größte HSV-Fan mit offenem Mund vor dem Fernseher saß, um den Bremer Spielmacher bei seiner Kunst zu bestaunen, wenn dieser mal wieder komplette Defensivreihen schwindelig spielte, millimetergenau Pässe an den Mann brachte, oder den Ball aus 62,6 Metern in ins Tor schoß.

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Jasper Glänzer

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Jasper Glänzer

Wegen Ronaldo gekommen und für Asamoah geblieben. Gefangen zwischen Bolzplatz und VAR, dabei stets ein Herz für’s Mittelmaß. Kein Bock auf Bollwerk. Seit 2019 bei 90Plus.

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