Köln gegen Gladbach: Mehr als nur eine Standortbestimmung

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Spotlight | Es ist ein Duell, das seit jeher viel Brisanz mit sich bringt. Zwei traditionsreiche Vereine kämpfen um nicht weniger als die Vorherrschaft am Rhein, dieses Duell elektrisiert beide Fangemeinden schon Wochen zuvor. Die Vorfreude in dieser Saison ist gleich doppelt groß. Denn bevor der 1. FC Köln am Samstagmittag um 15:30 Uhr die Borussia aus Mönchengladbach empfängt, musste man nicht nur eine Länderspielpause über sich ergehen lassen, auch die letzte Saison hielt kein Derby für die Fans bereit. 

Und auch wenn die Borussia in den letzten Jahren der stabilere Verein war und sich im oberen Bereich der Bundesliga etablieren konnte, während es für den „Effzeh“ einige Hoch- und Tiefphasen gab, sind viele Vorzeichen vor diesem Duell identisch: Ein neuer Trainer, neue Spieler, eine neue Ausrichtung, viele Erkenntnisse in den ersten Spielen und Verbesserungspotenzial in vielen Bereichen. Doch wie stellen sich die einzelnen Aspekte beim jeweiligen Klub dar?

Beierlorzer und Rose: Die neuen Trainer

Dass der 1. FC Köln trotz des Aufstiegs einen neuen Trainer präsentierte, mag auf den ersten Blick verwundern. Doch schaut man genau auf die vergangene Saison, so wird schnell deutlich, dass der Anspruch beim „Effzeh“ höchstens hinsichtlich der Ergebnisse erfüllt wurde. Mit Achim Beierlorzer kam im Sommer ein akribischer Arbeiter, der seiner Mannschaft schnell das von ihm so typische aggressive Pressing näher brachte. Der 1. FC Köln presst aber keinesfalls unkontrolliert, sondern entscheidet situativ, wann man den Gegner unter Druck setzt.

(Photo by UWE KRAFT / AFP)

Dass hierfür noch einige Automatismen hergestellt werden müssen, steht außer Frage. Beierlorzer zeigte aber nach einem Spiel in Wolfsburg, mit dem man nicht vollends zufrieden war, vor allem gegen Borussia Dortmund im Heimspiel am 2. Spieltag, dass er anpassungsfähig ist und seine Mannschaft, die in der 2. Bundesliga auch unter Ex-Trainer Markus Anfang nahezu jedes Spiel dominierte, auf die neuen Begebenheiten einstellen kann. Köln fand sowohl gegen Dortmund als auch beim ersten Sieg gegen Freiburg in vielen Phasen eine gute Mischung aus Agieren und Reagieren, behielt vor allem beim Auswärtsspiel im Breisgau den Fokus bis zuletzt.

Bei Beierlorzers Gegenüber Marco Rose lassen sich sowohl Parallelen als auch Unterschiede erkennen. Rose will auch sein System, das mit Begriffen wie Physis, Wucht und Variabilität einhergeht, sukzessive erfolgreich implementieren. Gleichermaßen ist die Ausgangslage kaum anders als vor der letzten Saison. Borussia Mönchengladbach spielt in der gleichen Liga, verfügt über einen soliden Kader und hat „lediglich“ mit der Mehrfachbelastung durch die Europa League einen zusätzlichen, zu berücksichtigenden Faktor in der Saison zu bewältigen. Rose muss nicht den Wandel von Favorit zu einem eher als Außenseiter angesehenen Team moderieren, sondern individuell und mannschaftstaktisch das Maximum aus seinen Spielern herausholen.

(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images)

Der Trainer änderte das System, legt viel Wert auf einen kontrollierten, kreativen Aufbau. Das funktionierte bei der Borussia in vielen Phasen noch nicht sehr gut. Gegen Schalke 04 fehlten die Ideen nach vorne, auch gegen Mainz 05 wurden mehr Zweikämpfe geführt als kreative Elemente produziert. Die Staffelung im Aufbau war oft falsch, die Anspielstationen rar. Dass man dennoch vier Punkte aus den ersten beiden Spielen einfahren konnte, zeigte einerseits, welche Klasse im Team vorhanden ist, andererseits aber auch, dass einige Abläufe bereits gut funktionieren. Gegen Leipzig wurde dann sehr deutlich, wo es den „Fohlen“ noch fehlt. Rose muss in allen Teilbereichen Lösungen finden, die Entwicklung kontinuierlich vorantreiben. Und dafür wird er Zeit benötigen.

Von Shkiri bis Embolo: Die Neuzugänge

Beide Mannschaften haben in diesem Sommer einige Neuzugänge vorgestellt. Die neuen Spieler sollen zur Philosophie des Trainers passen, im Falle des 1. FC Köln musste die Mannschaft mit der nötigen Bundesligatauglichkeit ausgestattet werden. Kingsley Schindler (25) von Holstein Kiel soll die Offensive beim 1. FC Köln beleben. Er kam ablösefrei und scheint schon zu Beginn zeigen zu können, welche Qualitäten er mitbringt. Schindler ist ein dynamischer, geradliniger Offensivspieler mit Zug zum Tor, der sowohl im Ballbesitz- als auch im Konterspiel gute Ansätze zeigt.

Abgesehen von Schindler wurde vornehmlich die Defensive gestärkt. Sebastiaan Bornauw (20) ist enorm talentiert, Birger Verstraete (25) deutlich erfahrener. Beide brauchen noch ein wenig Zeit um sich in das Gesamtkonstrukt beim Effzeh einzufügen, wirken dennoch schon gut integriert. Zwei Spieler haben bisher einen besonders guten Eindruck hinterlassen. Dabei handelt es sich um den defensiven Mittelfeldspieler Ellyes Skhiri (24), der aus Montpellier kam. Skhiri zeigte bereits in Ansätzen, dass er taktisch auf einem enorm hohen Level agiert und dem Verein auch langfristig helfen kann. Neben Skhiri machte auch Kingsley Ehizibue (24) auf sich aufmerksam, zeigte sich vor allem im Zweikampf sehr hartnäckig, gab keinen Ball verloren. Der Rechtsverteidiger ist eine der Entdeckungen der bisherigen Spiele.

Doch nicht nur der 1. FC Köln hat „Erfolge“ auf dem Transfermarkt zu feiern, auch bei Borussia Mönchengladbach schienen die Neuzugänge schon sehr schnell gut integriert zu sein, zumindest ein Großteil. Denn Ramy Bensebaini (24), der relativ spät von Stade Rennes nach Gladbach wechselte, muss erst noch entsprechend integriert werden. Marco Rose forderte nicht viele neue Spieler, aber ein Akteur war eminent wichtig: Stefan Lainer (26). Der Österreicher ist durchaus als Königstransfer zu bezeichnen und ist ein sehr laufstarker, schnörkelloser Rechtsverteidiger, den Rose aus der gemeinsamen Zeit in Salzburg kennt. Er spulte sein Pensum an den ersten Spieltagen bereits konstant ab und ist die erhoffte Verstärkung.

(Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Während Laimer bereits spielt, als hätte er noch nie für einen anderen Verein gespielt, zeigen Breek Embolo (22) und Marcus Thuram (21), die für die Offensive verpflichtet wurden, noch Licht und Schatten. Bei Embolo könnte der Weg hin zur Topform ohnehin noch ein weiter sein, denn der Schweizer muss erst einmal über einen langen Zeitraum fit bleiben und sein Selbstvertrauen zurückgewinnen. Thuram ist vor allem mit seiner enormen Geschwindigkeit ein Gewinn für die Offensive und kann im Offensivbereich auf fast jeder Position spielen. Der Integrationsprozess ist bei ihm ebenfalls in vollem Gange, beide Offensivspieler haben es aber noch schwerer, da sich die gesamte Struktur im Spiel nach vorne noch entwickeln muss.

Die Vorzeichen vor dem Spiel am Samstag

Betrachtet man die angesprochenen Punkte, dann stellt man fest, dass beide Klubs auf einem guten Weg, aber noch lange nicht dort angekommen sind, wo man sich in mittelfristiger Zukunft sieht. Der 1. FC Köln mag individuell zwar unterlegen sein und ist der Aufsteiger, jedoch hat man den Heimvorteil auf der eigenen Seite und bisher mehr Ansätze des Beierlorzer-Fußballs gezeigt, als man vielleicht erwartet hätte.

Die Art und Weise der Veränderungen beider Trainer unterscheiden sich voneinander. Marco Rose setzt ganz vorne an, betreibt im taktischen Bereich akribische Grundlagenarbeit, was man im Spielaufbau bereits erkennt. Die Probleme, die dort vorhanden sind, zeigen, dass die Ideen des Trainers vom Team bereits verwirklicht wurden, ihr jedoch noch die Abläufe und Mittel fehlen, diese Ideen auch auf dem Platz umzusetzen. Die Aufbauproblematik der „Fohlen“ ist genau der Punkt, an dem der „Effzeh“ ansetzen kann. Funktioniert das Pressing der Beierlorzer-Elf gut und schafft es der Gastgeber gleichzeitig die Zielspieler der Borussia im Aufbau zuzustellen, wie es bereits gegen Borussia Dortmund in Halbzeit 1 gelang, stehen die Vorzeichen für einen Heimsieg sehr gut.

(Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Der Ansatz für den 1. FC Köln ist gegen den Ball also klar. Mit dem Ball muss man sich selbst mit dem Pressing des Erzrivalen auseinandersetzen. Ein wichtiger Faktor könnten dabei lange, das Pressung überspielende Bälle sein. Anthony Modeste (31) und Jhon Cordoba (26) sind in der Lage die Bälle festzumachen, abzulegen und die anderen Offensivspieler in Szene setzen. Die Gäste aus Mönchengladbach müssen also eine gute Mischung aus einem koordinierten Pressing und einer entsprechenden Absicherung finden, damit man nicht in das offene Messer läuft. Für Rose wird dieses Spiel unter diesen Voraussetzungen taktisch eine Belastung, für seine Mannschaft auch mental. Denn die Stimmung wird aufgeheizt sein, jeder Zweikampf wird zum wichtigsten im Spiel erklärt.

Und hier könnte Gladbach dem Effzeh den Schneid abkaufen. Je nach Ausrichtung im Mittelfeld werden die „Fohlen“ viel Wert auf Physis legen, sehr kompakt stehen und viel laufen. Schafft es der Gast sich über diese Elemente ein Übergewicht im Mittelfeld zu erarbeiten, wird man automatisch mehr Entlastung im Aufbau generieren und häufiger die Chance haben, gefährlich und mit Tempo ins letzte Drittel zu kommen.

Für beide Mannschaften ist dieses Spiel also eine Standortbestimmung. Wie weit ist man im taktischen Bereich? Welche Elemente haben sich im Verlauf der letzten beiden Wochen verbessert? Und wie stressresistent ist man gegen das gegnerische Pressing, vor allem im Hinblick auf dieses wichtige Nachbarschaftsduell? Daneben geht es um nicht weniger als die Vorherrschaft am Rhein, nachdem beide Fanlager, wie schon erwähnt, länger auf dieses Aufeinandertreffen warten mussten. Und genau das macht die Brisanz dieses Spiels aus.

(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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